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Mina Loy (1882-1966)

Mina Loy in Florenz, 1909 (Foto von Stephen Haweis, courtesy of Roger L. Conover)

Schöne und intelligente Kosmopolitin, polyglotte Autorin skandalös erotischer Verse, beißender Satiren und destruktiver Elegien, progressive Erfinderin kreativer Gemäldephantasien und künstlerischer Entwürfe, all das verkörpert Mina Loy. Als eine der Protagonistinnen des europäisch amerikanischen Modernismus war Mina Loy wesentlich am geistig kulturellen Austausch aller wichtigen avantgardistischen Strömungen des frühen Zwanzigsten Jahrhunderts beteiligt. Innerhalb eines Jahrzehnts (ca. 1915-1925) erwarb sie sich den Ruf einer emanzipierten Frau, mehr noch einer geradezu legendären Gestalt: “Wer, wenn nicht sie, ist die moderne Frau?” proklamierte die New Yorker Evening Sun im Jahre 1917 und erhob die Schriftstellerin und Künstlerin in den Rang eines weiblichen Prototyps des modernen Zeitalters.

Von der Kunstausbildung im viktorianischen London, wo Mina Loy im Jahre 1882 geboren wurde, hin zum künstlerischen Milieu Münchens am Ende des 19. Jahrhunderts, aus den Pariser Ateliers der Bohemiens in Montparnasse in das futuristische Florenz, und schließlich von der New Yorker Avantgarde der 1910er Jahre zurück ins Paris der Lost Generation – anhand ihrer Lebens- und Arbeitsstationen lässt sich ein nahezu vollständiges Bild aller künstlerisch sowie literarisch bedeutsamen internationalen Bewegungen der ersten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts zeichnen. Ihr Name erscheint in den schriftlichen Zeugnissen intellektueller Hauptakteure jener Zeit, die Mina Loy liebten und schätzten, angefangen bei William Carlos Williams über Ezra Pound, Gertrude Stein und T.S. Eliot. Sie ließ sich von Man Ray portraitieren und Marcel Duchamp, mit dem sie eine mehr als vierzigjährige Freundschaft verband, bewunderte ihre Kompositionen. Joyce, Freud, Brancusi, Jules Pascin sowie auch Marinetti und Papini standen ihr Modell. Die beiden Italiener, mit denen sie während ihres Florenz-Aufenthaltes in Kontakt stand, sollten sie schließlich zu humoristisch karikaturhaften Verssatiren inspirieren. Zwischen 1907 und 1916 lebte Mina Loy in Florenz und begann hier unter futuristischem Einfluss ihre ersten Gedichte zu verfassen. So übertrug sie die malerischen Theorien Umberto Boccionis in Verse, während ihre sprachlichen Experimente durchaus Anleihen von Elementen und Prinzipien der italienischen Literaturavantgarde aufweisen. In Florenz begann sie zudem an ihrem Versbuch Lunar Baedecker, welches das einzige seiner Art in ihrem literarische Œuvre bleiben sollte, zu arbeiten. Die 1923 in Frankreich erschienene Erstausgabe ist die einzige von der Autorin selbst herausgegebene Edition. Es folgten drei weitere Auflagen von Textvarianten und mit Hinzufügungen, welche vielmehr die Bandbreite von Mina Loys literarischer Produktion bis in die vierziger Jahre illustrieren. In jene Zeit datieren ihre letzten Gedichte, denn Loys schriftstellerische Aktivität sollte sich ab dann ganz auf das Verfassen von (bisher größtenteils unpublizierten) autobiografischen Romanen allegorischer Prägung konzentrieren.

Ihre Poesie kann als intime Reise in die inneren Vorstellungswelten und das Unbewusste aufgefasst werden, eine Expedition ganz unter dem Zeichen des weiblichsten aller Himmelskörper, dem Mond (ital.: la luna), ein Bild welches ihre Verse von Beginn an beherrschte, wie auch der Titel ihres ersten Buches belegt (Lunar Baedecker). Parallel dazu zeichnete Mina Loy ein außergewöhnlich leidenschaftliches Portrait des modernen Künstlers in der ihr eigenen einzigartig elliptisch-pittoresken und lautmalerischen Sprache, welche ihr persönliches Vermächtnis und ihren Beitrag zur Literatur der Avantgarde des Zwanzigsten Jahrhunderts darstellt. Die neue englischsprachige Poesie, so schrieb sie selbst in einem Aufsatz, habe sich jenseits des Ozeans und nicht etwa im Ursprungsland entwickelt, denn einzig in den Straßen Manhattans, und nicht etwa Londons, oszilliere jede “Stimme im Dreiklang von Rasse, Nationalität und Personalität”. Jenes Englisch, um dessen Bewahrung sich die Professoren Oxfords so sehr bemühten, löse sich gänzlich im amerikanischen melting pot auf, um schließlich neu kombiniert “als nicht klassifizierbares Sprechen” in der modernen Literatur wiedergeboren zu werden, lebhaft und prickelnd wie Jazz im Rhythmus der zeitgenössischen Lebensart. Pound oder Williams verkörperten für sie den modernen Dichter par excellence, der es vermochte poetische Klangfarben in Form einer “Landkarte des Temperaments” zu kreieren und darauf die Regung und “Bewegung einer Persönlichkeit im Moment inneren und äußeren Ausdrucks” abzubilden.

Das kurze Gedicht Songs to Joannes, welches 1917 aufgrund seiner kühnen Thematik – es handelt sich um die allegorische Beschreibung einer sexuellen Beziehung – für einen Skandal in New York sorgte, ist ohne Zweifel Mina Loys Hauptwerk und muss als eines der Schlüsselwerke der modernistischen Poesie gelten.

 

 

 

Zitierte Literatur:

Francini, Antonella: Antologia della poesia americana (Biblioteca di Repubblica, Poesia straniera, 15), Rom 2004.

 

 

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